Blumenwiese

Aufblühen beim Gärtnern

Meine Großeltern hatten einen klassischen Schrebergarten und haben nebenbei noch im Garten meiner Eltern geholfen. Und den ganzen Sommer und Herbst über wurden Obst und Gemüse eingekocht. Gärtnern war für mich damit lange ein Hobby für alte Menschen, die der Grundversorgung aus dem Supermarkt nicht trauen. Mit anderen Worten: ziemlich spießig. Und jetzt verbringe ich selber jeden Tag viel Zeit im Garten, jage Blattläuse, päpple Setzlinge, suche im Internet nach Saatgut für ausgefallene Sorten und koche Sirup aus Gänseblümchen. Und dabei bin ich noch weit von der Rente entfernt. Höchste Zeit, herauszufinden, warum mich gärtnern so schrecklich zufrieden macht.

Seit meiner Kindheit ist dies das erste Mal, dass ich eine Wohnung mit Garten habe. Sonst gab es zwar immer einen Balkon, aber außer ein paar Kräutern und einer mäßig ertragreichen Tomate stand dort nie viel. Schon alleine, weil ich viel zu viel gereist bin, um ein Pflänzchen längere Zeit zu pflegen. Nun leben wir in reisefreien Zeiten, und der Garten ist mein Corona-Projekt geworden. Jetzt versuche ich mich an Auberginen und Rüben, Mangold, Bohnen und Wassermelone, während die Tomaten in diesem Jahr lila werden sollen. Ich habe mich seelisch schon darauf eingestellt, dass ich in meinem ersten Gartenjahr auch eine Menge aus Fehlern werde lernen müssen, weswegen mich die kränkelnde Zucchini nicht in eine gärtnerische Sinnkrise stürzt.

Arbeiten ohne Druck und to-do-Listen

Aber warum genieße ich das Wühlen im Dreck so sehr? Tatsächlich scheinen sich viele Menschen gerade in der zweiten Lebenshälfte stärker der Natur zuzuwenden. Nicht nur, weil sich hier der Kreislauf des Lebens im Kleinen abspielt und man dafür mit den Jahren sensibler wird. Im Garten gibt es vor allem keine to-do-Listen und keinen Erwartungsdruck. Die Dinge passieren einfach. Natürlich kann ich planen, wie ich mein Hochbeet bepflanzen will. Aber ich habe keinen Einfluss auf das Wetter oder darauf, dass mein Saatgut tatsächlich keimt. Und selbst wenn es wächst, tut es das nicht immer da, wo ich will. Eine Amsel hat in meinem Hochbeet nach Würmern gesucht, und nun wachsen Rote Bete an Stellen, an denen nicht ich sie gesät habe, sondern ein Vogel sie auf der Wurmjagd hingeworfen hat. Was dagegen gar nicht wächst sind hunderte Blumensamen, die ich an verschiedenen Stellen im stark verbesserungswürdigen Boden verteilt habe. In so vielen Bereichen unseres Lebens erwartet man von uns gnadenlose Selbstoptimierung, alles muss schneller, besser, schöner gehen. Im Garten dagegen muss man die Dinge nehmen, wie sie kommen.

Vorfreude auf die ersten selbstgegärtnerten Radieschen

Für Büromenschen wie mich ist Gartenarbeit aber auch eine wunderbare Erholung für den Kopf, denn hier sind die Hände gefragt und werden alle Sinne angesprochen. Frische Luft, Sonne und Vogelgezwitscher gibt es gratis dazu. Gleichzeitig ernte ich im wahrsten Sinne des Wortes die Früchte meiner eigenen Arbeit – eine schöne Abwechslung, wenn man sonst im Angestelltenverhältnis anderer Leute Wünsche umsetzt. Hier im Garten habe ich dagegen Gestaltungsspielraum und kann Dinge nach Lust und Laune ausprobieren. Und wenn ich mal einen Fehler mache, ist das kein Drama. Dann wird eine Pflanze eben wieder ausgebuddelt und umgesetzt. Oder ein Opfer meiner stümperhaften Gärtnerei durch eine eilige Neuerwerbung ersetzt Denn natürlich habe ich schon vor den Eisheiligen alles ins Beet gesetzt, was man offiziell erst nach den Eisheiligen aus dem Haus lassen darf – bis auf eine Gurke haben aber alle überlebt. Es kommen eben nur die Harten in den Garten. Und ich habe etwas fürs nächste Jahr gelernt. Kurz und gut: In meinem Garten kann ich ausprobieren und scheitern, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen.

Rundum gesund

Gartenarbeit hat zudem positive Effekte auf unsere Gesundheit. Sie hilft, zur Ruhe zu kommen (wenn der Nachbar nicht gerade mit dem Laubbläser unterwegs ist), das senkt den Blutdruck, hebt die Laune und beugt nachweislich stressbedingten Erkrankungen wie Burn-out vor. Inzwischen wird das Gärtnern bei einigen Krankheiten sogar als Therapie verordnet, bei psychischen Problemen ebenso wie zum Üben motorischer Fähigkeiten nach einem Schlaganfall. Aus Japan kommt als nächste Stufe das Konzept des Waldbadens, bei dem man sich nicht nur zur Therapie von Krankheiten, sondern auch gleich zur Vorbeugung derselben unter Anleitung in den Wald begibt. Unsere Vorväter und -mütter kommen nun einmal aus der Natur, nicht aus dem Großraumbüro.

Ich muss jetzt nur noch lernen, meinen Garten auch zu genießen. Wann immer ich auf der Terrasse sitze, finde ich etwas zu tun. Da muss ein Blumentopf in die Sonne gerückt und ein anderer in den Schatten geschoben werden. Unkraut will gezupft werden und für die Lücke im Beet, wo nichts keimen wollte, habe ich jeden zweite Tag eine andere Idee. Wer einen Garten hat, hat immer was zu tun. Die Kunst ist, es manchmal einfach bleiben zu lassen.

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