Warum wir uns jünger fühlen, als wir tatsächlich sind (und deswegen länger leben)

Es passiert mir nicht selten, dass ich vergesse, wie alt ich bin. Nicht nur, wenn mich jemand fragt, und ich kurz nachdenken (oder schlimmer: nachrechnen) muss. Ich bin auch immer maßlos irritiert, wenn mich zum Beispiel die Bedienung im Café siezt, während die Mittzwanziger am Nebentisch geduzt werden. Weil ich mich schlicht und ergreifend nicht wie eine Frau Mitte vierzig fühle. Sondern deutlich jünger. Und damit bin ich nicht alleine.

Tatsächlich fühlen sich die meisten Menschen jünger, als sie es laut Geburtsurkunde sind. Und das nicht erst in der zweiten Lebenshälfte, dieses Phänomen beginnt bereits ab einem Alter von 25 Jahren. Und während wir uns anfangs nur ein paar Jahre jünger fühlen, ist es mit 50 schon ein ganzes Jahrzehnt, das wir innerlich vom Alter im Pass abziehen.

Warum wir uns nicht so alt fühlen, wie wir es sind? Forscher vermuten verschiedene Gründe. Zum einen leben wir heute länger, weswegen sich bestimmte Lebensphasen weiter nach hinten verschoben haben. Wir bekommen zum Beispiel später Kinder, arbeiten länger oder schlagen in der zweiten Lebenshälfte noch einmal beruflich ganz neue Wege ein. Und wenn die Kinder endlich aus dem Haus sind, reisen wir nochmal schnell um die Welt. Es ist da nur natürlich, dass wir uns noch lange nicht alt fühlen. Schließlich stehen wir noch mitten im Leben.

Ein neuer Blick aufs Alter

Meist sehen wir zudem auch tatsächlich jünger aus, denn wir genießen nicht nur eine bessere medizinische Versorgung, wir kümmern uns auch besser um uns und unseren Körper. Meine Großeltern etwa kannten keine Vorsorgeuntersuchungen, die gingen erst zum Arzt, wenn es wirklich weh tat. Und der war dann nicht unbedingt zimperlich, die minimalinvasive Medizin war schließlich noch nicht erfunden. Das sah man ihnen an. Gleichzeitig haben sie noch viel mehr körperlich gearbeitet. Denn es gab – wir erinnern uns vage – eine Zeit vor der Erfindung des Laubbläsers.

Und schließlich hat die Lücke zwischen gefühltem und tatsächlichem Alter auch etwas damit zu tun, dass wir noch immer ein sehr altmodisches Bild vom Alter haben. Das fängt schon an mit Kinderbüchern. Da werden alte Menschen dargestellt als Oma mit Dutt, die mit einer Katze auf dem Schoß im Schaukelstuhl sitzt. Alternativ als Opa mit Rauschebart und Pfeife. Ein Gang durch jedes beliebige Museum zeigt uns auf Bildern großer Maler alte Menschen mit schütterem Haar, gebeugtem Rücken und tiefen Falten. Letztere im Zweifel von Kerzenlicht bis ins Detail ausgeleuchtet. Zweifelsohne große Kunst, aber kein Bild, das wir mit uns assoziieren. Und in der modernen Werbung tauchen ältere Menschen vorwiegend zum Verkauf von Inkontinenzeinlagen oder Medikamenten gegen Altersgebrechen auf. Kein Wunder, dass unser Unterbewusstsein hysterisch ruft “Das bin ich nicht!!” und sich spontan deutlich jünger fühlt.

Junggefühlte leben länger

Das Gefühl, jünger zu sein, hat aber auch eine Reihe wissenschaftlich nachgewiesener positiver Effekte. Wir sind dadurch zum Beispiel glücklicher und gesünder. Und vor allem: wir leben länger, wenn wir uns jünger fühlen. Warum das so ist, darüber rätseln die Wissenschaftler noch. Klar ist aber, dass es unser Hirn fit hält, wenn wir uns nicht so alt fühlen, wie wir sind. Und wer im Herzen jung ist, der fühlt sich unabhängiger und damit aktiver. Auch das dürfte die Lebenszeit verlängern.

Ich jedenfalls habe die Hoffnung, dass ich auch mit 70 noch nachdenken muss, wie alt ich bin. Und das nicht, weil die grauen Zellen, in denen diese Information gespeichert ist, es altersbedingt nicht mehr tun. Sondern weil ich mich einfach noch lange nicht wie 70 fühle – und mir neue Wanderstiefel statt eines Schaukelstuhls kaufe.

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