lesende Kinder auf einem Markt in Myanmar

Die Lust am Lernen

Schon als Kind konnte ich mich Wochen oder gar Monate in ein Thema vertiefen. Dann habe ich alles dazu gelesen, was ich finden konnte. In Büchern, versteht sich. Das Internet hatte ja noch keiner erfunden. Wie besessen habe ich Zahlen und Fakten gelernt, die ich weder in der Schule noch später im Leben gebrauchen konnte. Aber das war mir egal. Ich hatte einfach wahnsinnig Spaß daran, mich Stück für Stück und Buch für Buch in ein neues Thema einzuarbeiten.

Am Anfang waren es Tiere. Nicht selten bin ich abends mit einem tonnenschweren Tierlexikon ins Bett gegangen, und habe mich vor dem Einschlafen durch die Beschreibungen exotischer Spezies gearbeitet. Eine Zeit lang habe ich sogar daran gearbeitet, mein eigenes “Lexikon” zu entwerfen. Dazu habe ich alles, was ich in den in unserem Haushalt glücklicherweise zahlreich vorhandenen Zeitschriften finden konnte, zusammengetragen, nach Tieren sortiert und in Ordnern abgeheftet.

Eine Weile nach den Tieren kam die Phase der ägyptischen Pharaonen. Vor allem die 18. Dynastie hatte es mir angetan, also Tutanchamun, Nofretete und Co. Daraus entwickelte sich ein Interesse für Geschichte allgemein. Während andere Mädchen Pferdebücher gelesen haben, habe ich mich mit Menschenopfern der Inka und Moorleichen beschäftigt. Dass ich am Ende Geschichte als Hauptfach studiert habe, dürfte hier seinen Ursprung genommen haben. Meine Pharaonen-Vorliebe ist an der Uni dann noch einmal aufgeblüht, als ich ein Seminar zu Kleopatra besuchte, die mich drei Jahre lang bis in die Abschlussprüfung begleitet hat. Ebenfalls inspiriert durch ein Seminar habe ich eine temporäre Besessenheit für das Leben Erich Kästners entwickelt. Der hat nämlich nicht nur Kinderbücher geschrieben, sondern so bissige und kritische Gedichte, dass die Nazis seine Bücher verbrannt haben. Und Kästner ist tatsächlich mit tief in die Stirn gezogenem Hut hingegangen, und hat sich den Wahnsinn angesehen.

Mal Zufall, mal pure Notwendigkeit

Manchmal stupst mich der Zufall auf ein Thema. Auf dem Flohmarkt fand ich mit Anfang 30 die Memoiren von Miep Gies, die die Familie von Anne Frank in ihrem Versteck betreut hat. Das Buch war die Initialzündung für eine zwölfmonatige Recherche, während der ich alles über den Nationalsozialismus gelesen habe, was ich in die Finger kriegen konnte. Dann wieder ist es pure Notwendigkeit, die mich zu einem neuen Thema bringt. Als etwa die Zinsen auf dem Sparbuch nur noch mit der Lupe zu finden waren, habe ich kurzerhand drei Monate lang alles über Aktien verschlungen, was ich in Büchern, dem (zwischenzeitlich erfundenen) Internet und in Podcasts finden konnten – und dann meine ersten Aktien gekauft. Ab und an ist es auch meine kreative Ader, der mich ein neues Hobby suchen lässt. Dann kaufe ich mir zum Beispiel einfach eine Nähmaschine und bringe mir mit Hilfe von Büchern und Internetvideos das Nähen bei.

Aber egal, warum mich ein Thema plötzlich interessiert – der Spaß daran, mir etwas zu erarbeiten, mich einzulesen, endlich Zusammenhänge zu verstehen, dieser Spaß ist immer der Gleiche. Und nach wie vor sind Bücher dabei ein wichtiger Bestandteil meiner Recherchen. Das Internet mag komplexe Dinge kurz zusammenfassen, weil die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen drastisch geschrumpft ist, aber wer sich wirklich in ein Thema einarbeiten will, der ist nach wie vor gut beraten, die örtliche Bibliothek zu besuchen.

Lernen hält jung

Wissenschaftler haben natürlich längst alles erforscht, was mit dem Lernen zusammenhängt, und so unter anderem festgestellt, dass Lernen wirklich glücklich macht, weil dabei unter anderem auch der Bereich unseres Hirns aktiviert wird, der für Glücksgefühle zuständig ist. Außerdem hält uns eine gesunde Portion Neugier jung – naja, unser Hirn zumindest. Das schrumpft nämlich ab dem fünfzigsten Lebensjahr. Es sei denn, wir lernen bis ins hohe Alter immer wieder neue Dinge, damit lässt sich der Abbau der grauen Zellen nachweislich aufhalten. Auch die Frage, ob wir tatsächlich im Schlaf lernen können, haben Wissenschaftler inzwischen beantwortet: ja, ein bisschen. Unser Hirn verarbeitet nachts die Eindrücke des Tages. Wer kurz vor dem Schlafengehen noch Lernstoff durchgeht, kann so fördern, dass die grauen Zellen sich nachts noch damit beschäftigen.

Für mich ist der beste Effekt von allen aber das gute Gefühl, dass ich mir ganz allein ein Thema erarbeitet habe und plötzlich Zusammenhänge verstehe, von denen ich vor kurzem nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Oder wahlweise die ersten Sätze in einer neuen Sprache sprechen, eine Bluse nähen oder meine Altersvorsorge selber in die Hand nehmen kann. Da darf man ruhig stolz auf sich sein. Davon abgesehen: Ist es nicht totaler Luxus, sich ausgiebig mit einer Sache beschäftigen zu dürfen, einfach weil es Spaß macht und man Lust darauf hat? Schon allein deswegen sollten wir uns öfter die Zeit nehmen, etwas Neues zu lernen. Gerade heute, wo die Ablenkung durch soziale Medien und schnelle Nachrichten aus dem Netz groß ist. Denn an diese vermeintlichen Neuigkeiten erinnert sich schon in ein paar Tagen niemand mehr. Aber solltet Ihr jemals bei Günther Jauch zum marmorierten Ferkelfrosch oder dem Schabrackentapir gefragt werden, bin ich Euer Telefonjoker.

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