Kämpfer zu Beginn eines Sumo-Kampfes

7 1/2 Lektionen fürs Leben, die ich beim Sumo gelernt habe

Ziemlich genau neun Stunden. So lange habe ich mehr oder weniger nackten Männern beim Ringen zugeschaut, denn so lange dauert ein Turniertag beim Sumo. Neun Stunden sind eine Menge Zeit, um über das zu philosophieren, was sich da unten im Ring abspielt. Vor allem während der ersten Tageshälfte, wenn das Stadion nach fast leer ist, während im Ring der Nachwuchs kämpft. Voll wird es erst am Nachmittag, wenn die Profis einziehen. Und so kam es, dass ich nicht umhin kam, festzustellen, dass im Sumo viele wertvolle Lektionen fürs Leben versteckt sind.

Lektion 1: Wer aus dem Ring fällt, steigt sofort wieder rein

Das Grundprinzip beim Sumo ist einfach: man muss den Gegner entweder aus dem Ring bugsieren oder ihn dazu bringen, dass er den Boden innerhalb des Ringes mit mehr als nur den Fußsohlen berührt. Es gilt aber auch: wer aus dem Ring fällt – und nicht wenige sind nicht nur aus dem Ring sondern gleich von der Plattform gepurzelt – der steigt direkt wieder rein. Denn er muss sich noch einmal formell vor seinem Gegner verbeugen. Erst dann darf er die Arena verlassen. Kennen andere Kulturen in einer berittenen Variante.

Lektion 2: Wer selber nicht im Ring steht, lebt trotzdem gefährlich

Wer glaubt, wenn man nur Zuschauer ist und sich selber nicht in Gefahr begibt, kann einem nichts passieren, wird beim Sumo eines Besseren belehrt. Wenn so ein Koloss mit Schwung aus dem Ring katapultiert wird, landet er nicht selten in den Kissen der ersten Zuschauerreihen. Ich will jetzt gar nicht sagen, dass wir alle gleich in den Sumoring steigen sollen. Aber nur, weil wir nicht drin stehen, ist das Leben trotzdem nicht ungefährlich.


Sumo-Wissen für Angeber

Sumo gibt es seit über 1.000 Jahren, und die Ringkämpfe waren Teil shintoistischer Feste zum Dank für eine gute Ernte. Später gehörte Sumo zum Training für Samurai und wurde damit zu einem Volkssport. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine offizielle Sumo-Organisation mit Profikämpfern. Heute muss jeder Kämpfer einem der 46 Sumoställe angehören – und diese Zugehörigkeit gilt lebenslang. Vereinswechsel wie beim Fußball gibt es nicht. Die sumotori müssen zudem in der Öffentlichkeit immer traditionelle japanische Kleidung tragen. Das und die strenge Hierarchie im Sumostall führen dazu, dass der Sport ein Nachwuchsproblem hat. Immer mehr Kämpfer kommen daher aus dem Ausland, etwa aus Osteuropa, Hawai oder der Mongolei. Ein Sumoturnier zieht sich über zwei Wochen, an denen jeden Tag gekämpft wird, pro Jahr gib es sechs Turniere in verschiedenen Städten.


Lektion 3: Der Dickste ist nicht automatisch der Gewinner

Ich habe keine Strichliste geführt, aber völlig unstatistisch unbewiesen behaupte ich jetzt mal: wenn sich ein ziemlich gewichtiger sumotori und ein eher schmächtiger (*hust*) Kontrahent gegenüber standen, hat überproportional oft der Schmächtige gewonnen. Natürlich kann ein Dicker einen Dünnen besser aus dem Ring schieben als umgekehrt. Aber es kommt beim Sumo eben nicht nur aufs Gewicht, sonder auch auf die Technik an und darauf, dass man agil bleibt. Und wenn so ein Koloss erstmal in Bewegung kommt, kann er am Reisstrohring nur noch schwer stoppen und stolpert sich manchmal selber ins Aus.

Lektion 4: Ein Schritt zurück kann manchmal der entscheidende Schritt zum Sieg sein

Der kürzeste Kampf des Tages dauerte 3 Sekunden. Statt auf seinen Gegner loszustürzen machte einer der sumotori beim Startsignal des Schiedsrichters einen Sprung nach hinten. Sein Kontrahent stürzte sich gleichzeitig mit Schwung nach vorne – und fiel flach auf den Bauch. Kampf zu Ende.

Lektion 5: Wer mit der Ferse am Reisstrohring steht, hat noch lange nicht verloren

Im Laufe des Tages hat sich eine Situation regelmäßig wiederholt: einer der Kontrahenten schiebt den Gegner scheinbar mühelos über den Sandboden. Bis dieser schon mit den Fersen auf dem Reisstrohring steht. Es scheint nur noch eine Formsache, ihn ganz aus dem Ring zu schieben. Oder eben nicht. Denn während es viel Kraft verlangt, die Füße in den Sandboden zu stemmen und so dem Gegner etwas entgegenzusetzen, hat man auf dem leicht erhöhten Strohring viel besseren Halt. Und ein nicht unerheblicher Teil der sumotori hat genau hier den Kampf noch einmal gedreht und dank des festen Halts unter den Füßen mal eben den Gegner mit Schwung ins Aus befördert. Übertragen auf Menschen, die nicht im Lendenschurz unterwegs sind: wer mit dem Rücken zur Wand steht, kann sich daran prima abstoßen und mit ordentlich Schwung weitermachen.

Sumoring
Der Sumoring – reduziert auf das Wesentliche (hier aufgebaut in Osaka)

Lektion 6: Wer sich vor dem Kampf am meisten aufpumpt, verliert danach nicht selten

Während die Nachwuchskämpfer am Morgen in kurzer Folge antreten, läuft das am Nachmittag, wenn die Profis dran sind, ein bisschen anders. Die Kämpfer treten in den Ring, und dann plustern sie sich erstmal auf, versuchen sich nieder zu starren und werfen zwischendurch Salz in den Ring. Das hat im Shintoismus eine symbolische reinigende Funktion. Manche reiben sich auch gleich den halben Körper mit Salz ab. Nicht selten gehe die Kämpfer schon in die Hocke und damit in die Startposition. Und dann springt wieder einer auf, trinkt nochmal einen Schluck Wasser, lässt die Muskeln spielen und produziert sich am Rand des Rings. Unnötig zu erwähnen, dass die, die sich vor dem Kampf am meisten produzieren, am Ende nicht unbedingt die Gewinner sind. Und bin ich hier die Einzige, die beim Stichwort aufplustern an nicht enden wollende Bürobesprechungen denken muss? 

Lektion 7: Minimalismus zahlt sich aus

Die Tatsache, dass die Turniere zwischen verschiedenen Stadien wandern können, verdankt der Sport seiner Konzentration auf das Wesentliche. Der Ring aus Lehm und Sand muss ohnehin für jedes Turnier neu gemacht werden, und das geht überall. Das an einen Tempel erinnernde Dach über dem Ring ist wahrscheinlich tonnenschwer und damit ein limitierender Faktor bei der Auswahl der Austragungsorte, aber lässt immer noch genug Optionen. Konzessionen an die Moderne wurden genial mit den Traditionen des Sports verwoben. Werbebanner? Werden vor den einzelnen Kämpfen einmal durch den Ring getragen. Und je mehr Banner, umso mehr tobt das Publikum. Denn die werbende Unterstützung wird hier als Wertschätzung für die Leistung der Athleten gesehen. Lautsprecherdurchsagen? Gibt es, aber vor jedem Kampf werden erst ganz traditionell die Namen der antretenden sumotori gesungen (ja, gesungen!), danach nochmal über den Lautsprecher verkündet. Und wenn am Abend der letzte Kampf vorbei ist, dauert es keine zehn Minuten, dann ist der Ring abgedeckt und alle gehen nach Hause. 

Lektion 7 1/2: Je eine halbe für Jungs und eine halbe für Mädels

Jungs! Wenn Ihr zufällig beabsichtigen solltet, in einem traditionellen Vorläufer des Stringtangas unter gleißendem Scheinwerferlicht Eure Kehrseite in die Menge zu recken, werft vorher einen prüfenden Blick in den Spiegel. So mancher Hintern, den ich im Laufe dieser neun Stunden gesehen habe, hätte dringend ein Waxing gebraucht. Oder wenigstens eine Runde mit dem Epilierer. 

Mädels! Wenn die Kosmetikindustrie Euch einreden will, Orangenhaut sei ein typisch weibliches Problem, dann Glaubt! Ihr! Kein! Wort! 

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