Geisha mit Bus in Kyoto

Von Lust und Frust des Pendelns

Kennt Ihr diesen Moment, wenn biedere Geschäftsmänner sich in mordlustige Zombies verwandeln? Wenn freundliche Damen in Flatterröcken plötzlich zu Vodoo-Hexen mutieren? Wenn wohlerzogene junge Menschen auf einmal schlimmer fluchen als ein Zuhälter? Wenn sich wildfremde Leute in minutenschnelle zu einem Kollektiv verschwören, das nur ein Ansinnen kennt: Rache! Das ist der Moment, in dem wahlweise ein Stau im Radio angekündigt oder eine Zugverspätung durchgegeben wird. Willkommen in der wunderbaren Welt der … Pendler!

Diese Woche hat es mich wieder erwischt. Der Intercity, den ich eigentlich nehmen wollte, hatte 80 Minuten Verspätung. Wenig später sprang die Anzeige sogar um auf “+130”. Die Bahn fährt offensichtlich in ihrem ganz eigenen Zeit-Raum-Kontinuum, in dem ein Zug innerhalb von fünf Minuten satte 50 Minuten verlieren kann. Der ICE davor kam auch zu spät, aber (natürlich!) nicht so spät, dass ich ihn noch erwischt hätte. Also habe ich mein sündhaft teures ICE-Ticket nicht in einem Fernverkehrszug abgefahren, sondern bin in einen zugemüllten Regionalexpress gestiegen. Der selbstredend auch zu spät war und noch später am Ziel ankam, denn er passte nicht mehr in den Takt und musste überall rumbummeln, damit uns pünktlichere Züge überholen konnten. An solchen Tagen kann ich die Stresshormone in meinem Blut kichern hören.

Man ersetze die Deutsche Bahn alternativ durch Staus, Falschfahrer und Baustellen, an denen gefühlt zuletzt kurz vor dem Jahreswechsel 2017/2018 ein Bauarbeiter gesehen wurde. Das Ergebnis ist das Gleiche: Frust, Stress und die tägliche Frage: warum tue ich mir das an?! Wie auch immer die Antwort auf diese Frage lautet (Du bist jung und brauchst das Geld?), die gute Nachricht ist: Du bist nicht alleine! Die Hälfte aller deutschen Arbeitnehmer pendelt. 1,3 Millionen Menschen sind sogar offiziell so genannte Fernpendler, die eine einfache Strecke von mehr als 150 Kilometern fahren. Ich kommen zwischen Düsseldorf und Bonn “nur” auf knapp 80 Kilometer. Der allgemeine Trend geht übrigens seit Jahren in eine Richtung: wir pendeln mehr, wir pendeln weiter, und wir brauchen immer länger für den Weg zur Arbeit.

behäkeltes Fahrrad
Pendeln mit dem Rad ist gesund – aber im Winter bitte warm anziehen

Gutes Pendeln – schlechtes Pendeln

Es gibt Dutzende Studien dazu, was das Pendeln mit uns anstellt. Wer mit dem Rad pendelt, für den ist der tägliche Arbeitsweg tatsächlich gut, denn er bringt zusätzliche Bewegung in den Alltag. Davon abgesehen dürfte diese Sorte Pendelstrecke so kurz sein, dass einem nach der Arbeit noch was vom Tag bleibt. Für gesunde Aktivitäten wie Sport, Familie und Entspannung zum Beispiel.

Wer dagegen mit dem Auto (knapp 68 Prozent) oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln (14 Prozent) pendelt, dem schadet die tägliche Fahrerei zur Arbeit nachweislich. Zu den körperlichen Beschwerden von motorisierten Pendlern gehören regelmäßige Kopf-, Nacken- und Schulterschmerzen, Verdauungsbeschwerden und ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. All dies kommt vor allem dadurch, dass den Pendlern auf der einen Seite weniger Zeit für einen sportlichen Ausgleich bleibt, und sie auf der anderen Seite den Frust des Pendelns mit Fast Food, einem erhöhten Konsum von digitalen Medien und Alkohol kompensieren.

Viel gravierender ist den Studien zufolge aber die Auswirkung des Pendelns auf unsere psychische Gesundheit. Staus und Bahnverspätungen lösen massive Stressreaktionen aus, ebenso die Angst, zu spät zur Arbeit zu kommen. Pendler sind oft müde, da sie früh aufstehen müssen, und dadurch reizbarer und nervöser. Und schließlich haben die Studien nachgewiesen, dass langes Pendeln schlecht für die Beziehung ist. Ach ja: Frauen leiden unter den Nebenwirkungen des Pendelns übrigens stärker als Männer. Der typische Pendlern allerdings, er ist ein Mann. Um genau zu sein, ein hochqualifizierter Hauptverdiener zwischen 35 und 55 Jahren, der mit dem Auto zu seiner Arbeit im Dienstleistungsgewerbe fährt.

Schild Kiss & Ride
Fahrgemeinschaften können helfen, das Pendeln weniger stressig zu machen

Erste Hilfe bei akutem Pendeln

Wie kann man sich den täglichen und unerlässlichen Weg zur Arbeit nun schöner machen? Experten raten: vor allem nicht arbeiten unterwegs! Lieber das Gefühl genießen, dass man zur Arbeit eine gewisse räumliche Distanz hat, und diese Zeit noch beziehungsweise schon zum Privatleben gehört. Wer Bahn fährt, kann ein gutes Buch lesen oder ein bisschen dösen. Musik oder einen Podcast hören geht auch im Auto. Mit einer Fahrgemeinschaft lässt sich das Stau-Elend besser ertragen, weil man nicht immer selber am Steuer sitzen und hochkonzentriert sein muss. Ich persönlich finde auch das Geld für mein ICE-Ticket gut investiert, es reist sich so deutlich entspannter als im Regionalexpress mit Stehplatzgarantie. Und: wer unter der Woche abends nicht mehr viel Zeit hat, sollte trotzdem der Versuchung widerstehen, alles ins Wochenende zu schieben. Dann wird das nämlich auch schnell stressig.

Bleibt noch die Frage: muss ich eigentlich jeden Tag pendeln? Ich habe nun für einen Tag pro Woche Telearbeit beantragt – und genehmigt bekommen. Gestern habe ich zum ersten Mal im Home Office gearbeitet. Ich war skeptisch, ob ich die Arbeit in mein Zuhause lassen will, aber unterm Strich fand ich den ersten Tag am Laptop positiv. Ich habe länger geschlafen und war trotzdem früher “im Büro”. Ich habe ordentlich was weggearbeitet, weil ich mehr Ruhe hatte. Und je nach Tagesperformance der Bahn drei bis vier Stunden im Zug gespart. Ich befürchte, ich brauche bald ein neues Hobby, wenn ich nicht mehr jeden Tag Zeit auf der Schiene verschwende ….

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