CMA CGM Kerguelen

Mit dem Containerschiff um die halbe Welt – Mein Frachtschiff-Tagebuch Teil 1

Ich habe eine unruhige Nacht, es stürmt weiter und das Schiff ächzt und rumpelt. Selbst mit Ohrstöpseln hört man, wie sich Tonnen Stahl bewegen. Fühlen kann man es auch. Ich werde immer wieder wach. Immerhin gewöhne ich mich langsam daran, dass wir aller haarsträubenden Geräusche zum Trotz nicht untergehen. Der Wind wütet weiter, aber es ist noch nicht so schlimm, dass ich mich morgens in der Dusche am eigens für Seegang angebrachten Griff festhalten muss. Im Gegenteil, man kann sich bei leichtem Seegang sogar noch locker die Beine rasieren, stelle ich fest. 

In gefährliche Gewässer

Ich werde in diesen Tagen öfter gefragt, ob ich nicht seekrank bin. Scheinbar erwartet man das von der einzigen Frau an Bord. Aber mir geht es gut. Am Nachmittag ändern wir den Kurs ein wenig und biegen in den Golf von Aden ein. Die gute Nachricht: der Wind trifft jetzt in einem anderen Winkel auf unser Schiff, das deswegen weniger ächzt. Die schlechte: wir sind offiziell im Piratengebiet angekommen. Es gibt hier zwar einen von internationalen Kriegsschiffen gesicherten Korridor, aber wir fahren immer mal wieder eine Abkürzung außerhalb des Korridors, um Treibstoff und Zeit zu sparen. Die Crew wirkt angespannt. 

Am Ende des Tages stehe ich im Dunkeln auf dem Flügel und genieße den Sternenhimmel, der aussieht, als hätte jemand ein große Tüte Glitzer ausgeschüttet. Dabei fällt mir auf, dass wir weniger Beleuchtung angeschaltet haben als sonst. Außer den absolut notwendigen Positionslichtern verzichten wir auf alles, was Piraten anlocken könnte. Mit einem etwas mulmigen Gefühl gehe ich ins Bett.


Alles seefest

Damit auch bei einem Sturm alles an seinem Platz bleibt, ist das Schiff entsprechend ausgerüstet. In meiner Kabine sind am Boden jede Menge Ösen, damit man die Möbel festzurren kann. Das Bücherregal hat eine extra Leiste auf halber Höhe der Buchrücken, damit die Lektüre bleibt, wo sie soll. Schubladen lassen sich nur öffnen, wenn man einen kleinen Hebel im Griff drückt. Alle Bilder an Bord sind fest verschraubt, die Waschmaschine steht in einem Eisengestell, damit sie nicht verrutscht. Die Tische in der Offiziersmesse haben eine erhöhte Kante, damit das Geschirr nicht herunterrutschen kann. Und überall auf dem Schiff gibt es Griffe, so dass man sich festhalten kann. Selbst in der Dusche ist einer.


Entwarnung

Piraten hin oder her, nach der eher schlaflosen Nacht davor habe ich wie ein Baby geschlafen. Sogar das Rattern der Uhr, die mal wieder eine Stunde zurück gestellt wurde, hat mich nicht wecken können. Am Morgen ist die See so ruhig, dass ich mich erst frage, ob wir den Anker geworfen haben. Haben wir aber nicht. Das Meer ist einfach nur spiegelglatt. Was mir noch nicht aufgefallen ist, mein Mit-Passagier aber beim Frühstück erwähnt: Auf allen Etagen sind an den Türen zu den Notausgängen alle drei Riegel fest verschlossen – damit die Notausgänge nicht zu Pirateneingängen werden. Beim Besuch auf der Brücke höre ich über Funk die Aufforderung eines japanischen Kriegsschiffes, Verdächtiges sofort zu melden. Der Computer zeigt an, dass heute erst ein Stück weiter voraus ein mögliches Piratenboot auf einen Frachter zugefahren ist, dann aber doch abgedreht hat. Die Mannschaft bekommt für diesen Teil der Strecke eine Gefahrenzulage. Kurz vor zehn Uhr abends reihen wir uns zwischen die Schiffe im gesicherten Korridor ein.

Damit geht der zehnte Tag der Reise zu Ende, und bis jetzt tut das digitale Detox gar nicht weh. Ich lese bis zu vier Bücher parallel, höre Podcasts und starre viel aufs Meer. Wer hätte gedacht, dass Wasser so abwechslungsreich sein kann? Der Wind dazu ist inzwischen warm geworden und kommt aus der Wüste.

Am nächsten Morgen bin ich wie immer vor dem Frühstück auf der Brücke. Obwohl wir im gesicherten Korridor sind, ist die Anspannung noch nicht ganz vorbei. Jedes Boot wird kritisch durchs Fernglas beäugt. Ein kleines Bötchen dümpelt vorbei. Plötzlich wirft es den Motor an und hält auf uns zu. Kurz darauf die Entwarnung: es sind die Fischer, die im aufgewühlten Wasser unserer Schraube ihr Netz auswerfen. Erst kurz vor Mittag sind wir raus aus der Risikozone und die Mannschaft wirkt deutlich entspannter. Ich bin es auch.

Der rote Sand Ägyptens pudert unser Schiff

Spoiler Alert: Das Rote Meer ist nicht rot

Inzwischen haben wir das Rote Meer erreicht, und für dessen Namen bietet die Crew zwei Erklärungen. Entweder er kommt von Algen, die das Wasser rot färben (nichts zu sehen), oder daher, dass Schiffe hier mit rotem Sand gepudert werden, den der Wind aus der Wüste mitbringt. In den nächsten zwei Tagen pudert der Sand auch unser Schiff. Sandwolken zieren den Himmel, der Wind weht auch eine ziemlich große Heuschrecke auf die Brücke, die es zwei Tage dort aushält, bevor eine Böe sie wieder mitnimmt. Damit wir bis zum Suez ägyptische Zeit haben, wird die Uhr nun zwei Nächte hintereinander umgestellt.

4 comments

  1. Ich beneide Dich um den Sternenhimmel – den haben wir nirgends so richtig in Indien gefunden – die klaren Nächte gibts da wohl auch nur im April/Mai/Juni. Müssen wir halt noch mal nach Afrika irgendwann…

  2. Wow! Ich wusste bisher gar nicht, dass man so von Japan bzw Singarpur nach Deutschland reisen kann! Ich habe mich schon oft gefragt, ob und wie es wohl mit dem Schiff möglich wäre… danke für deine tollen Berichte aus Japan! Ich wohne jetzt schon seit zwei Jahren hier und konnte aus deinen Kyoto Chroniken noch sehr viel lernen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.