CMA CGM Kerguelen

Mit dem Containerschiff um die halbe Welt – Mein Frachtschiff-Tagebuch Teil 1

Als ich im Nieselregen in Singapur am Kai stehe und nach oben blicke, muss ich leicht hysterisch lachen. Ich wusste, dass das Schiff groß sein wird. Aber „groß“ ist relativ. Und das hier ist relativ groß. 400 Meter lang, die Brücke befindet sich ungefähr 50 Meter über dem Meeresspiegel. Ich komme mir winzig vor. Erst recht, weil ich zwischen diesem riesigen Schiff und den noch größeren Kränen stehe, die es beladen. Und streng genommen darf ich hier gar nicht stehen. 

Man beachte das Verhältnis von Mensch zu Buchstabe

Vor weniger als einer Stunde hat mich ein Fahrer am Hotel abgeholt und zum Containerterminal gebracht. Wie am Flughafen musste ich dort mein Ticket und meinen Pass vorzeigen. Üblicherweise werden hier die Seeleute abgefertigt, Passagiere steigen nicht alle Tage dazu. Die Dame an der gähnend leeren Sicherheitskontrolle will daher auch wissen, wie ich dazu komme. Ich erkläre ihr, dass ich einmal im Leben ein Gefühl für die Distanz bekommen möchte, die bei einem Flug verloren geht. Abgesehen davon bin ich fasziniert vom Ent- und Beladen der riesigen Containerschiffe. Und wo kann man das besser beobachten als AUF einem Containerschiff? Meines heißt CMA CGM Kerguelen. Herr Kerguelen war ein französischer Seefahrer und Entdecker, nach dem nicht nur dieses Schiff benannt ist. Kurz vor der Antarktis gibt es auch eine Inselgruppe, die er entdeckt hat und die deshalb seinen Namen trägt.

Der Fahrer bringt mich bis direkt an die Gangway. So ein Hafen, egal wo auf der Welt, hat strenge Sicherheitsvorschriften. Einfach so rumlaufen ist keine Option. Unten an der Gangway stehen ein paar neue Crewmitglieder, hier in Singapur wechselt ein Teil der Mannschaft. Außerdem steigt noch ein zweiter Passagier zu. Am schiffseigenen Kran wird ein Netz für unser Gepäck heruntergelassen. Dann machen wie uns auf den Weg, die wackelige Gangway hoch. Habe ich erwähnt, dass ich Höhenangst habe? An Bord geben wir unsere Pässe, die Police unserer Reisekrankenversicherung und unser Ticket ab. Dann bringt man uns zu unseren Kabinen. Meine ist größer als das Appartement in Kyoto, in dem ich die letzten zwölf Monate gelebt habe. So lässt es sich knapp einen Monat aushalten. Die Aussicht aus dem Fenster: Container! Denn die werden so hoch gestapelt, dass man nur auf der Brücke darüber hinweg sehen kann.


Das Schiff in Zahlen

Höchstgeschwindigkeit: 24 Knoten (etwas mehr als 44 km/h)
Maße: 398 Meter lang, 54 Meter breit, vom Kiel bis zur Antenne 73 Meter, 15 Meter Tiefgang
Größe des Ruders: 97 Quadratmeter
Anzahl der Container: 18.000 Container á 20 Fuß
Crew: 27 Mann


Lautstarkes Industrie-Ballett

Ich lasse das Abendessen links liegen und gehe hinauf auf die Brücke. Wenn das Schiff im Hafen liegt, zeigt sich hier oben nur selten jemand von der Mannschaft. Fast alle werden an Deck gebraucht, um das Ent- und Beladen der Container zu überwachen. Die Brücke hat auf beiden Seiten Balkone, Flügel genannt, und weil der warme Sommerregen (es ist Ende Juni) aufgehört hat, gehe ich nach draußen. Auf der Seeseite liegen Dutzende Schiffe vor Anker und warten, dass sie in den Hafen einlaufen können. Auf der Hafenseite sind zehn Kräne dabei, in schneller Folge Container von Deck zu heben und auf wartende LKW zu stellen. Als es dunkel wird, beleuchten Scheinwerfer die Szenerie, die wie ein gigantisches Industrie-Ballett wirkt. Weil die Kräne an Steuerbord mehr Container entnommen haben als an Backbord, stehen wir inzwischen ziemlich schief. Ein leichtes Titanic-Gefühl beschleicht mich. Aber ich nehme an, so lange die Mannschaft nicht besorgt ist, kann ich auch entspannt bleiben. Am nächsten Tag erfahre ich, dass die Crew ziemlich sauer war über die etwas unkoordinierte Entladung, und mit Hilfe der Ballasttanks ordentlich gegen unsere Schieflage anpumpen musste.

Es ist schon spät, als ich endlich in meine Kabine gehe und meinen Koffer auspacke. Müde falle ich ins Bett, aber die ganze Nacht wird geladen. An Schlaf ist selbst mit Ohrstöpseln nicht zu denken. Vor allem wenn die riesigen Platten, mit denen der Laderaum unter Deck verschlossen wird, einrasten, trägt der Schall durchs ganze Schiff. Um vier Uhr in der Früh sollen wir auslaufen, um kurz nach halb vier stehe ich auf. Aber als ich wenig später auf die Brücke komme, sind die Kräne immer noch im Einsatz. Im Laufe der Reise muss ich lernen, dass die angegebenen Ladezeiten sehr relativ sind. Mal fahren wir deutlich später aus, dann wieder legen wir früher ab als geplant. 

  • Containerschiff in Schieflage
    Schieflage in Singapur

Zum ersten Mal heißt es „Leinen los!“

Um sechs Uhr am Morgen – es ist noch dunkel – heißt es endlich „Leinen los!“. Ich frage nach, ob denn der Motor schon an sei, weil ich nichts höre. Tatsächlich liegt der Maschinenraum 200 Meter von den Unterkünften entfernt, deswegen kann man ihn nicht hören. Kapitän und Lotse stehen an einem kleinen Kontrollstand auf dem Flügel, von wo aus sie hinunter auf den Kai sehen können. Schleppboote ziehen uns hinaus, und da wir eine Außenposition hatten, sind wir schon nach zehn Minuten aus dem Hafen raus. Der Lotse geht nach einer Dreiviertelstunde von Bord – und mir wird kurz mulmig. Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr. Sollte ich feststellen, dass wochenlange Seereisen doch nicht mein Ding sind, muss ich trotzdem bis zum nächsten Hafen durchhalten. Nur liegen bis zum nächsten Hafen 19 Tage auf offener See und eine Fahrt durch den Suez-Kanal vor uns. Mit anderen Worten: was auch immer in den nächsten zweieinhalb Wochen kommt – ich muss da durch!

Nach dem Frühstück beginnt der Ernst des Lebens, denn wir Passagiere bekommen erst einmal eine Sicherheitseinweisung. In den Kabinen liegen neongelbe Schutzanzüge bereit, die wir im Notfall anziehen sollen, damit wir nicht nur im Meer gesehen, sondern auch vor dem Auskühlen bewahrt werden. Selbstredend kommt der Anzug mit einer eingebauten Trillerpfeife (vermutlich, um  Haie auf uns aufmerksam zu machen), und einem blinkenden Licht (wahrscheinlich, damit giftige Quallen den Weg zu uns finden). Wir lernen, wo wir uns im Falle eines Falles hinbegeben müssen, und wo die Rettungsboote sind. Dann überreicht man uns einen Fragebogen, den wir im Laufe des Tages ausfüllen sollen. Wir schreiben wirklich einen Test!

2 comments

  1. Ich beneide Dich um den Sternenhimmel – den haben wir nirgends so richtig in Indien gefunden – die klaren Nächte gibts da wohl auch nur im April/Mai/Juni. Müssen wir halt noch mal nach Afrika irgendwann…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.