Einfahrt in den Containerhafen Algeciras

Vom Suez bis nach Hamburg – Mein Frachtschiff-Tagebuch Teil 2

Eigentlich sollten wir früh auslaufen, und ich bin um fünf Uhr auf der Brücke. DER MANN kommt etwas später, verpasst aber nichts, denn es wird noch geladen. Die neue Zeit für die Abfahrt ist 6:30 Uhr, am Ende kommt der Lotse erst um 7:30 Uhr an Bord. Im Dunkeln beobachten wir die Kräne. Als der Morgen dämmert, werden sie einer nach dem anderen langsam hochgeklappt. Weil wir ganz vorne im Hafen liegen, müssen wir eigentlich nur geradeaus fahren und sind direkt in der Straße von Gibraltar. Ich hoffe immer noch auf Wale, aber … nichts! Tierischer Besuch anderer Art kreist am Nachmittag über der Brücke. Ein Falke ist aus Spanien mitgereist. Nun sind wir schon wieder so weit draußen, dass man kein Land mehr sieht. Der Vogel kreist um die Container, dann dreht er ab und fliegt zu einem Schiff ein Stück hinter uns.

DER MANN bekommt heute seine Tour durch den Maschinenraum, und ich gehe nochmal mit. Es ist diesmal deutlich kühler da unten, als bei meinem ersten Besuch. Wasser- und Außentemperatur haben hier einen entscheidenden Einfluss auf die Arbeitsbedingungen. Am heißesten, so die Ingenieure, wird es dort unten, wenn arabische Häfen angefahren werden.

In Algeciras wird der Frachtraum an einigen Stellen bis auf den Boden geleert – man sieht die Führungsschienen für das Verstauen der Container unter Deck

Wir blicken auf Kreuzfahrtschiffe herunter

Am nächsten Tag erreichen wir die Nordsee. Weil sich unser Zeitfenster in Southampton nach hinten verschoben hat, fahren wir mit gemütlichen 13 Knoten gen England. Auch wenn noch kein Land zu sehen ist, bekommen wir ab dem Mittag schon eine Vorahnung, dass es nicht mehr weit sein kann. Denn wir werden jetzt von Seevögeln umkreist. Auch der Verkehr nimmt zu, neben Frachtschiffen sehen wir immer mehr Fischerboote und Segelschiffe. Eine Brieftaube ruht sich eine Weile bei uns aus, bevor sie weiter fliegt. 

Als ich am nächsten Morgen um 5:20 Uhr auf die Brücke komme, sind die Lotsen schon da. Drei Stunden dirigieren sie uns Richtung Hafen. Die Fahrrinne ist schmal und folgt einem alten Flussbett – im Slalom geht es Richtung Frachtschiffterminal. Von kleinen Ausflugsbooten aus fotografiert man uns, wir sind eine Attraktion. Beim Einlaufen fahren wir am Zentrum vorbei, hinter dem direkt das Kreuzfahrtterminal ist. Vier Schiffe liegen dort – und alle sind sie kleiner als wir. Ganz vorne liegt die Queen Mary II. Von der Brücke aus grüßt uns deren Besatzung und winkt freundlich hoch zu uns. Dahinter ein Schiff der P&O, Passagiere stehen an Deck und winken. Eine AIDA ist auch da. Direkt hinter den Kreuzfahrtschiffen erhebt sich die Filiale eines schwedischen Möbelhauses, daneben der Schrottverladeplatz, an dem ein Massengutfrachter aus Holland von einem riesigen Kran mit Schrott beladen wird. Ein Stück weiter ist schließlich das Containerterminal und damit unser Liegeplatz.

Queen Mary II in Southampton
Kann uns nicht das Wasser reichen: die Queen Mary II liegt im Hafen, als wir in Southampton einfahren

Mein erster Landgang

Hier in Southampton laden wir 4.000 Container ab und nur 70 auf, die für Hamburg bestimmt sind. Fracht für Asien holt die Kerguelen später ab, sie kommt in ein paar Tagen nochmal her. Ich beobachte noch, wie ein etwas kleineres (also, relativ) Containerschiff an uns vorbei aus dem Hafen gezogen wird, dann machen wir uns auf, um von Bord zu gehen. Denn von hier aus ist man mit dem Taxi in einer Viertelstunde in der Stadt. Zum ersten Mal seit 23 Tagen betrete ich wieder festen Boden.

Um vom Schiff zu kommen, müssen wir zunächst im Hafen Bescheid geben, der schickt dann einen Wagen, der uns abholt. Erst als das Auto unten am Kai steht, dürfen wir die Gangway betreten. Am Hafentor zeigen wir unsere Schiffsausweise, dann ruft man uns ein Taxi in die Stadt. Die Wartezeit vertreiben wir uns in einem zum Seemansclub umgebauten Container vor dem Tor. Hier gibt es Getränke, Zeitungen – vor allem von den Philippinen – und den Plakaten nach zu urteilen werden hier im Winter zudem von Freiwilligen gestrickte Mützen, Schals und Handschuhe verschenkt, damit die Seeleute aus Asien dem kalten englischen Wetter etwas entgegenzusetzen haben.

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